Offener Brief von Microsoft und fast 150 anderen Firmen: Netzneutralität muss erhalten bleiben

Angeblich hat der Vorsitzende der Federal Communications Commission (FCC), Tom Wheeler, Pläne, die bevorzugte Behandlung von Teilen des Internet-Traffics zu ermöglichen. Dagegen wenden sich in einem offenen Brief die meisten der großen US-Technikfirmen. Dazu gehören neben Microsoft auch die Branchengrößen Amazon, eBay, Facebook, Twitter und Yahoo. In dem Schreiben fordern sie Wheeler auf, an der Netzneutralität festzuhalten. Die vollständige Liste der Unternehmen finden Sie hier als PDF-Datei. In dem Schreiben fordern sie, an einem freien und offenen Internet festzuhalten, sowie an Regeln, durch die Nutzer und Anbieter geschützt werden.

Die entscheidenden Zeilen übersetzt ZDNET in einem Artikel wie folgt: „Medienberichten zufolge will die Kommission Regeln vorschlagen, die es Telefon- und Kabelnetzanbietern erlauben würden, Internetfirmen technisch und finanziell unterschiedlich zu behandeln und neue Gebühren von ihnen zu verlangen“, schreiben die Unterzeichner in dem am Mittwoch veröffentlichten Brief. „Sollten diese Berichte der Wahrheit entsprechen, dann ist das eine große Bedrohung für das Internet … Statt eine individuelle Bevorzugung zu erlauben, sollten die Regeln der FCC die Nutzer und Internetfirmen vor Blockaden, Benachteiligung und einer Bevorzugung gegen Bezahlung schützen, und den Markt für Internetdienste transparenter machen“, heißt es weiter in dem Brief. „Solche Regeln sind entscheidend für die Zukunft des Internets.“

Auf den ersten Blick klingt das ja wirklich gut. Allerdings bin ich mir derzeit nicht wirklich sicher, was ich davon halten soll. Schließlich wird das Internet für so viele unterschiedliche Aufgaben genutzt, dass eine gnadenlose Gleichmacherei zu schwer absehbaren Konsequenzen führen kann. Sie stutzen und glauben mir nicht? Lassen Sie mich zur Verdeutlichung einige Beispiele bringen, ich beginne mit dem Worst Case.

Ich habe schon mehrfach von Plänen gelesen, schwierige und seltene Operationen von Robotern vornehmen zu lassen, die von Spezialisten gesteuert werden, die sich irgendwo auf der Welt befinden. Die Übertragung der Signale soll über das Internet erfolgen. Jetzt stellen Sie sich einmal vor, die Signale kommen während der Operation teilweise verzögert an, und sei es nur eine zehntel Sekunde. Möchten Sie dann der Patient mit dem offenen Herzen sein? Ich nicht.

Das war jetzt zu weit hergeholt und eh‘ Zukunftsmusik? Na gut, nehmen wir ein anderes Beispiel, nicht so drastisch und extrem, dafür aus der Gegenwart. Immer mehr Menschen empfangen ihre Fernsehprogramme über das Internet. Jetzt stellen Sie sich einmal vor, Sie wollen am Sonntagabend Ihren geliebten Tatort sehen (die Sendung und den Sendezeitpunkt dürfen Sie gerne austauschen), und immer wieder sehen Sie nur Klötzchengrafik oder die Sendung stockt sogar ganz. Auch wenn diese Effekte nur kurzzeitig auftreten, sind sie doch sehr störend. Würden Sie sich in dieser Situation nicht auch wünschen, dass der Anbieter etwas Geld dafür zahlen würde, dass seine Daten etwas schneller übertragen werden?

Der Preis dafür? Eine von Ihnen aufgerufene Webseite wird eventuell eine zehntel Sekunde später aufgebaut. Das merken Sie doch nun wirklich nicht. Und wenn eine Mail etwas später kommt, geht die Welt dadurch auch nicht unter. Der etliche Megabyte große Download des neuen Servicepacks für Windows geschieht eh‘ im Hintergrund, so dass Sie eine Verlangsamung vermutlich nicht merken werden. Irgendwie scheint es mir doch etwas viel Aufregung darum.

Das Problem liegt doch an einer anderen Stelle. Das Internet wird für immer vielfältigere Aufgaben genutzt. Diese Aufgaben benötigen eine immer größere Bandbreite. Allein das Fernsehen: immer mehr Sendungen werden in HD ausgestrahlt es werden immer mehr Fernseher angeboten, die nicht nur über das Internet empfangen, sondern dies auch noch in 4K-Auflösung können, also mit der vierfachen Menge Daten im Vergleich zu HD. Ich fände es wirklich nicht schlimm, wenn die Anbieter, die das Internet mit immer größeren Datenmengen verstopfen, dafür einen Obolus zahlen. Es bleibt lediglich zu hoffen, dass die Mehreinnahmen der Netzanbieter nicht für höhere Dividenden genutzt werden, sondern dass sie sie zum Netzausbau einsetzen. Aber das ist wohl Sozialromantik.

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