Windows 8 – Verkaufshit oder Ladenhüter?

Eine der ersten Aussagen, die ich vor langer Zeit über Windows 8 gelesen habe, war die Aussage von Steve Ballmer, dass Windows 8 das größte Risiko in der Geschichte von Microsoft darstelle. Seit der ersten Developer Preview von Windows 8 spalten sich denn auch die Geister – während die einen begeistert sind von Windows 8, können oder wollen die anderen damit nichts anfangen. Wie auch immer, am 26. Oktober 2012 ist das neue Betriebssystem erschienen. Nun sagte Tami Reller, für das Windows Marketing zuständige Managerin bei Microsoft in Redmond, am Rande der CES in Las Vegas, dass in den etwa zweieinhalb Monaten, die seitdem vergangen sind, immerhin 60 Millionen Lizenzen über die Ladentheken gegangen seien. Nach Stückzahlen seien fast so viele Windows 8-Lizenzen verkauft worden wie Windows 7-Lizenzen im gleichen Zeitraum nach Erscheinen.

OK, das ist nicht weiter verwunderlich, wenn wir uns den Upgradepreis von nur 30 Dollar/Euro ansehen, der bis Ende Januar gilt. Darüber haben aber so viele Autoren sich die Finger blutig getippt, dass ich keinen Sinn darin sehe, das Thema hier noch einmal wiederzukäuen. Sehen wir uns lieber an, was Tami Reller nach einem Bericht der Computerwoche auf der CES in einem öffentlichen Gespräch mit einem Analysten der Investmentbank JP Morgan äußerte. Sie bedauerte, dass es offenkundig noch einen Engpass bei den Endgeräten sowie Mängel in den Distributionsketten gebe. Einige Tablets mit Windows RT, die Windows-8-Version für die preiswerteren ARM-Prozessoren, seien nicht optimal vermarktet worden. Wenn Sie ein Paradebeispiel für einen Euphemismus suchen können Sie diese Aussage sicher verwenden. Ich habe bei Saturn in Essen und Media Markt in Berlin nachgesehen – in beiden Läden hatte der Engpass gnadenlos zugeschlagen, so dass ich beide Male kein einziges Gerät finden konnte.

Aber selbst wenn die Geräte im stationären Handel angeboten würden, bliebe immer noch die Frage, ob sie gekauft würden. Seien wir ehrlich – der durchschnittliche Anwender sieht zunächst nur den Formfaktor. Und wenn wir einmal von den Convertibles absehen, die es wohl nur mit Windows gibt, sehen die Geräte erst einmal sehr ähnlich aus. Damit steht der kaufwillige Anwender zunächst einmal vor der Wahl, ob er ein Android-Gerät für 200 Euro, ein iPad für 600 Euro oder ein Windows-Gerät für 900 Euro kaufen möchte. Für sehr viele Käufer ist die Wahl damit bereits getroffen. Selbst wenn der Anwender einen Shop findet, der die Möglichkeit bietet, Geräte mit allen drei Betriebssystemen nebeneinander auszuprobieren, hilft ihm das nicht wirklich weiter. Unter mehr oder weniger optimalen Lichtverhältnissen mal fünf Minuten auf jedem Gerät rumzutatschen hilft bei der Auswahl des perfekten Geräts nicht wirklich.

Schließlich handelt es sich trotz des sehr ähnlichen Formfaktors um zwei unterschiedliche Geräteklassen. iPad und Android-Geräte stehen eindeutig in der Tradition der PDAs aus den 1990er Jahren. Damals gab es verschiedene mobile Betriebssysteme, Beispiele dafür waren HP95LX, Newton oder Windows CE. Diese Betriebssysteme liefen auf kleinen tragbaren Rechnern mit Touch- oder Stiftbedienung. Später bekamen einige dieser Betriebssysteme noch Telefonfunktionalitäten und bildeten damit die Grundlage für die ersten Smartphones. Am Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Millenniums entfernten Apple und Google die Telefonfunktionalität wieder aus ihren Betriebssystemen und passten die Anzeige an die größeren Bildschirme an. Abgesehen von der deutlich eleganteren Optik und der höheren Leistung der Hardware handelt es sich dabei also um einen Schritt zurück.

Microsoft ist einen anderen Weg gegangen. Bereits vor mehr als zehn Jahren wurde Windows XP um Funktionalitäten erweitert, die den Betrieb auf einem Tablet PC ermöglichten. Die beiden auffälligsten Erweiterungen waren die Unterstützung des Digitizers sowie die Handschrifterkennung. Meines Wissens ist die Handschrifterkennung nur in Windows und auch in Windows RT enthalten.

Dieser andere Ansatz, den Microsoft gewählt hat, führt dazu, dass der Anwender die Desktop-Anwendungen weiter nutzen kann, die er vom stationären Rechner zu Hause oder im Büro gewohnt ist. Außerdem sind komfortable Eingaben mit dem Stift möglich, also mit einer Arbeitsweise, die wir bereits seit dem Kindergarten gewöhnt sind. Ich meine, dass dies die wichtigsten Änderungen sind, die dem Anwender einen direkten Mehrwert bieten. Wäre es nicht die Aufgabe des Microsoft-Marketing, diese Alleinstellungsmerkmale herauszustellen und bekannt zu machen? Einfach nur ein hervorragendes Produkt wie Windows 8 auf den Markt zu werfen ist nicht ausreichend. Die potentiellen Käufer sollten auch wissen, wie gut das Produkt ist. Dieses Wissen zu vermitteln ist dem Marketing bislang nicht gelungen. Kein Wunder also, dass die Geräte nur schleppend verkauft werden und im Handel nicht verfügbar sind.

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