Expression Studio – ein Nachruf

In der Regel werden Nachrufe bekanntlich nur für Persönlichkeiten verfasst, und da auch nur für wirklich hoch gestellte. Aus diesem Grund habe ich auch lange nachgedacht, ob es angemessen ist, einen Nachruf auf das Expression Studio zu schreiben. Ich bin aber der Meinung, wenn jemand so viele Erinnerungen an eine Software hat wie ich an Expression Studio, dann ist dies auch einen Nachruf wert.

Es war vor einem halben Jahrzehnt im Jahr 2007, als unsere Beziehung begann. Damals fragte sich alle Welt, wo zum Teufel bloß FrontPage im neuen Office 2007 stecken mag. Dabei war die Antwort doch ganz einfach: FrontPage war eingestellt. Wer nun Webseiten gestalten wollte, musste halt auf Expression Web ausweichen, eine Anwendung in Expression Studio. Zumindest in meiner Erinnerung habe ich das aber erst nach dem Erscheinen von Office 2007 erfahren.

Aber dann gab es Werbung satt (in diesem Zusammenhang meine ich das absolut nicht negativ). Nicht nur, dass Microsoft überall Veranstaltungen zu Expression Studio durchführte – zeitnah zum Erscheinen von Expression Studio führte Microsoft auch in Berlin im Kosmos eine erste Konferenz zu Expression Studio durch – XTOPIA genannt. Diese Konferenz habe ich noch sehr gut in Erinnerung – wenn auch nicht in vollständig guter Erinnerung.

Es war die erste Konferenz, bei der ich als ATE tätig war. Na ja, da bekanntlich alles im Fluss ist und es ATEs auch nicht mehr gibt, hier noch eine kurze Definition des ATE: ATE ist die Abkürzung für „Ask the Experts“. Die ATEs sind bzw. waren Mitglieder der Community, die bei Veranstaltungen von Microsoft mit wirklich grässlichen roten Westen aus Plastikgewebe rumliefen, auf denen die Bezeichnung auf dem Rücken stand. Auf der ersten XTOPIA hatten wir einen ATE-Stand so ganz in der letzten Ecke des Kosmos, wo uns kaum jemand fand. Im Ergebnis standen wir am Stand fast die gesamten zwei Tage nur rum, aber das Mittagessen wurde kalt, da wir dort mit allerlei Fragen bestürmt wurden. Aber egal, irgendetwas geht immer schief und alles in allem hat es wirklich Spaß gemacht. Schade, dass es keine ATEs mehr gibt; mein letzter Einsatz war auf dem Launchevent zu Office 2010 in Neuss. Aber zurück zu Expression Studio.

Expression Studio bestand aus vier Anwendungen, die die unterschiedlichen Aufgabenfelder beim Entwickeln von Webseiten und Webanwendungen umfassten. Mir hat der Funktionsumfang des Softwarepakets auch immer ausgereicht, wobei ich dazu sagen muss, dass ich die Webentwicklung auch nie wirklich ausgereizt habe. Sicher gibt es Hardcore-Entwickler, denen das Softwarepaket nicht ausgereicht hat, aber das dürften wirklich Ausnahmen sein. Wirklich reizvoll fand ich, dass die Entwickler und die Designer mit Werkzeugen arbeiten konnten, die auf ihre jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten waren und dass sie die Arbeitsergebnisse der jeweils anderen Gruppe nahtlos in ihre eigene Arbeit integrieren konnten.

Ein Jahr nach der Konferenz im Kosmos folgte noch eine Nachfolgekonferenz im Kongresszentrum der Berliner Messe. Die Location war deutlich zu groß gewählt, so dass sich die Besucher der Konferenz dort verliefen. Im Jahr danach veranstaltete Microsoft noch unter dem Namen XTOPIA mehrere regionale Events, inzwischen zur Version 4. Anschließend folgte keine Produktaktualisierung mehr und demzufolge gab es auch keine Veranstaltungen mehr zu Expression Studio. Ende 2012 hat Microsoft Expression Studio still und leise versterben lassen. Es ist schade drum.

Was bedeutet das nun für die Webentwicklung? Müssen wir jetzt auf Fremdprodukte ausweichen? Nein. Für lizensierte Nutzer ändert sich zunächst einmal nichts, da der Standard-Support noch bis zum Jahr 2015 läuft, den extended Support wird es bis 2020 geben. Expression Web 4 und Expression Design 4 stehen nun zum kostenlosen Download auf der Microsoft-Website zur Verfügung. Windows Presentation Foundation, Silverlight und SketchFlow will Microsoft beim nächsten Update von Visual Studio 2012 in das Produkt integrieren und Expression Encoder 4 Pro wird als eigenständiges Produkt weiter vermarktet, eine eingeschränkte Version steht bereits seit einiger Zeit zum kostenlosen Download bereit.

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